Daniel Lozakovich
Mikhail Pletnev

Album release concert

Schubert · Grieg
Shor-Pletnev · Franck

Herzlich laden wir Sie dazu ein, im Foyer des Konzertsaales den CD-Stand des Labels Warner Classics zu besuchen, wo das neue Album erhältlich ist. Nach dem zweiten Teil des Konzerts haben Sie die Gelegenheit, die Künstler persönlich zu treffen und ein Autogramm zu erhalten.

PROGRAMM

Franz Schubert 1797–⁠1828

Sonate für Violine und Klavier D-⁠Dur, D 384
I. Allegro molto
II. Andante
III. Allegro vivace

Edvard Grieg 1843–⁠1907

Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 c-⁠Moll, op. 45
I. Allegro molto ed appassionato
II. Allegretto espressivo alla Romanza
III. Allegro animato
* Pause *

Alexey Shor (*1970) –
Mikhail Pletnev (*1957)

Sonate für Violine und Klavier h-⁠Moll
I. Allegro agitato
II. In modo di Minuet
III. Prest

César Franck 1822–⁠1890

Sonate für Violine und Klavier a-⁠Moll, FWV 8
I. Allegretto ben moderato
II. Allegro
III. Recitativo–⁠Fantasia: Ben moderato – Molto lento
IV. Allegretto poco mosso

Daniel Lozakovich Violine

Mikhail Pletnev Klavier

Über das album

Zwei Generationen trennen Daniel Lozakovich und Mikhail Pletnev. Nun haben sie gemeinsam ihr erstes Album als Duo aufgenommen. In einem offenen Gespräch spricht der junge Geiger über das Album und die Botschaft der Hoffnung, die es birgt.

Daniel Lozakovich: Es war mein Traum, dieses Album mit Mikhail Pletnev aufzunehmen, einem der größten Pianisten der Geschichte und für mich persönlich einer der besten Musiker aller Zeiten. Die Sonate von Grieg ist eine Hommage an die legendäre Aufnahme des Duos Fritz Kreisler und Sergej Rachmaninow. Francks Sonate hingegen ist der Inbegriff spiritueller Schönheit, ein idealer Ausdruck des Dialogs zwischen Violine und Klavier, mit ihren unendlich faszinierenden Melodien, die auf eine grenzenlose Vielfalt an Klangfarben treffen.

Für Mikhail Pletnev war es auch die Gelegenheit, seine erste CD mit Sonaten herauszubringen. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Ich habe Mikhail Pletnev zum ersten Mal live auf dem Verbier Festival gehört, als ich 13 Jahre alt war. Damals hätte ich mir nie träumen lassen, eines Tages mit einer solchen Legende zu spielen, dem Pianisten unter den Pianisten, der seine Zeit transzendiert hat und für mich der Welt von Rachmaninow, Horowitz und Michelangeli näher steht. Einige Jahre später überraschte mich Martin Engstroem, der Direktor des Verbier Festivals, an meinem Geburtstag mit einem arrangierten Treffen zwischen mir und Mikhail, der gerade bei ihm zu Gast war. Ich erinnere mich an großartige Gespräche an diesem Tag. (Kurz darauf bot mir Mikhail die Gelegenheit, das Tschaikowski-Trio bei einem Privatkonzert in Martins Haus in der Schweiz zu spielen.) Es folgten viele gemeinsame Konzerte als Duo, als Trio mit Mischa Maisky und unter der Leitung von Mikhail. Wir entwickelten eine seltene Freundschaft, die von vielen Gemeinsamkeiten lebt. Neben meinen Lehrern ist Mikhail Pletnev heute der Musiker, von dem ich am meisten gelernt habe.

Gibt der Generationenunterschied, den wir in der Vergangenheit auch schon bei Aufnahmen von Szymon Goldberg und Radu Lupu, Isaac Stern und Yefim Bronfman oder auch Menahem Pressler mit dem Quatuor Ébène beobachten konnten, einer Partnerschaft wie der Ihren eine besondere Dimension?

Ich denke ehrlich gesagt nicht über den Generationenunterschied nach: Musizieren findet statt oder nicht. Man muss einander vertrauen, den gleichen Weg einschlagen, was die musikalische Richtung betrifft, und Wahrheitssucher sein, im Leben und in der Kunst. Nur das zählt in einer Zusammenarbeit – nicht das Alter. Wir reden bei den Proben nicht viel, weil es ein Verständnis dafür gibt, wohin die Musik führt, und eine geistige Gemeinschaft, die das Wichtigste in der musikalischen Zusammenarbeit ist. Ohne sie gibt es beim Musizieren keine Wahrheit im Ausdruck. Ich bewundere Mikhails Art, magische Farben zu schaffen, die Partitur mit subtiler Kreativität zu erfassen und sein tiefes Verständnis von Harmonie. Für mich ist die Kombination der Generationen vielmehr eine Bereicherung und ausgleichende Kraft in unserer Partnerschaft.

Alexey Shor, Mikhail Pletnev und Daniel Lozakovich während der Aufnahme im Muziekcentrum van de Omroep, Hilversum, Niederlande (Oktober 2023). Alexey Shor, Mikhail Pletnev und Daniel Lozakovich während der Aufnahme im Muziekcentrum van de Omroep, Hilversum, Niederlande (Oktober 2023).

Alexey Shor, Mikhail Pletnev und Daniel Lozakovich während der Aufnahme im Muziekcentrum van de Omroep, Hilversum, Niederlande (Oktober 2023).

Alexey Shor, von Beruf Mathematiker, kam erst spät zur Komposition, feiert aber große Erfolge. Während der Brückenschlag zwischen Francks Sonate und Griegs Dritter auf der Hand zu liegen scheint – sind sie doch beide zur gleichen Zeit entstanden – woher kommt dann die Idee, auch die Sonate von Alexey Shor mit aufzunehmen?

In unserer von Zerstörung und Konflikten geprägten Welt ist die Musik von Alexey Shor ein Lichtblick. Sie lässt auf die Lebensfähigkeit des Komponierens im alten Stil hoffen: dass es immer noch möglich ist, schöne Melodien zu schreiben und Musiker zum Komponieren zu inspirieren, dass es eine Alternative zu einer streng zeitgenössischen Richtung gibt. Shor ist ein begnadeter Musiker, dessen Melodien die Zuhörer wie ein Hoffnungsschimmer berühren. Ich hatte die Gelegenheit, eines seiner Konzerte unter der Leitung von Mikhail zu spielen, der beschlossen hatte, eine Version davon als Sonate für Violine und Klavier zu erarbeiten. Dieses Album erschien uns als die perfekte Gelegenheit, es dem Publikum vorzustellen. Das Werk hat wunderschöne Melodien, ist voller Innigkeit und steht ein für Hoffnung. Es ist wichtig, neue Musik mit tiefen Gefühlen zu spielen. Musiker sollten ihre Energie dafür einsetzen, neue Musik einzuführen, die Gefühle in ihnen weckt. Heute wird weniger melodisch komponiert, und es ist eine Herausforderung, in dieser Zeit mit all ihren materialistischen Ablenkungen zu komponieren. Das macht diese Musik umso wertvoller. Mit dieser Sonate wollen wir alle Generationen dazu anregen, mehr auf die alte Art zu komponieren, und dafür sorgen, dass die nachfolgenden Generationen sie nicht aus den Augen verlieren. Wir wollen zeigen, dass auch Komponisten wie Alexey, die erst spät zur Musik gekommen sind, Musik schreiben können. Für mich ist es wichtig daran zu glauben, dass Kunst möglich ist, wenn man liebt, was man tut.

Nachdem Sie bereits mehrere Stradivari-Violinen gespielt haben, stellt Ihnen die Fondation Louis Vuitton nun die Sancy von 1713 zur Verfügung, die fast ein Dreivierteljahrhundert lang unter den virtuosen Fingern Ivry Gitlis erklungen ist. Hat diese Geige Sie dazu veranlasst, Ihr Klangverständnis oder gar Ihren Stil im Allgemeinen zu verändern?

Ivry Gitlis war ein lieber Freund, der in meinem Herzen einen ganz besonderen Platz einnimmt. Ich hatte das Glück, mit ihm das Doppelkonzert von Bach zu spielen, als ich elf Jahre alt war. Er war damals 91. Seine Künstlerpersönlichkeit, seine Liebe zum Leben und die Tiefe seiner Seele sind für mich unerschöpfliche Quellen der Inspiration. Es gibt vier Stradivari, auf denen ich das Glück hatte, regelmäßig zu spielen, die „Ex-Viotti“ von 1712, dann die „Ex-Baron Rothschild“ von 1713, mit der ich meine ersten drei Alben aufgenommen habe, und schließlich die Reynier von 1727, auf der ich das Album Spirits eingespielt habe. Es sind Meisterwerke von außergewöhnlicher Klangpersönlichkeit, deren Farbenreichtum mich an Gemälde von Leonardo da Vinci erinnert. Als ich die Sancy zum ersten Mal in den Händen hielt und sie mit den drei anderen vergleichen konnte, war es Liebe auf den ersten Blick. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich wirklich in eine Geige verliebt. Sie war nicht perfekt, sie war vielleicht sogar etwas schwieriger zu spielen, aber ich hatte ein sehr tiefes Gefühl der Vertrautheit mit der Seele der Geige und durch sie mit dem Geist von Ivry selbst, der in ihr weiterlebt. Sie hat mir die Türen zu einer unbekannten inneren Welt geöffnet, die den Klang, den ich in meinem Herzen trage, treuer auszudrücken vermag.


Daniel Lozakovich sprach mit Jean-Michel Molkhou im April 2024 Jean-Michel Molkhou war 25 Jahre lang Musikkritiker der Zeitschrift Diapason und ist heute Redakteur der Zeitschriften Pianiste und Classica. Er ist außerdem Autor der Werke Die großen Geiger des 20. Jahrhunderts (zweibändig) und Die großen Streichquartette des 20. Jahrhunderts, die im Verlag Buchet-Chastel erschienen sind.

Übersetzung: Sanna Hanssen

Mikhail Pletnev

Biografische Notizen
Mikhail Pletnev

Wenn es einen Pianisten gibt, der sich nicht um Konventionen, Schulen und Erwartungen schert, dann ist es Mikhail Pletnev. Das Publikum liebt ihn dafür und weiß, dass es in Pletnevs Konzerten auch altbekannte Werke so frisch und überraschend zu hören bekommt, als würden sie zum allerersten Mal gespielt. Pletnev – seines Zeichens auch Dirigent – gehört zu den intellektuellsten Interpreten seiner Zeit. Doch nichts läge ihm ferner als akademische Trockenheit. Seine unabhängigen Interpretationen sind immer wieder aufs Neue mitreißend, virtuos, herausfordernd und aufregend.

Mikhail Pletnev wurde 1957 im russischen Archangelsk geboren. Bereits im Alter von dreizehn Jahren begann er sein Studium am Moskauer Konservatorium. In der russischen Hauptstadt gewann er 1978 den Ersten Preis des Internationalen Tschaikowski Wettbewerbs. Seither konzertiert er als Solist sowie gemeinsam mit den international bedeutendsten Orchestern und Dirigenten.

Im Jahr 1990 gründete er in Moskau das „Russian National Orchestra“, das er über drei Jahrzehnte lang leitete. Nachdem sich das Orchester im Zuge der jüngsten politischen Entwicklungen von ihm getrennt hatte, wurde er 2022 zum Künstlerischen Leiter des neu ins Leben gerufenen „Rachmaninoff International Orchestra“ ernannt. Dieses Orchester, das in Bratislava seine erste Aufnahme eingespielt hat, besteht aus Musikern aus Russland, der Slowakei, Österreich und der Ukraine.

Pletnevs Vielseitigkeit zeigt sich auch in seiner Arbeit als Dirigent. 2007 gab er sein Debüt als Operndirigent mit der Neuinszenierung von Tschaikowskis „Pique Dame“ am Bolschoi-Theater in Moskau. Von 2008 bis 2010 war er Erster Gastdirigent des Orchestras della Svizzera Italiana. Im Februar 2011 leitete Pletnev in der Semperoper die Staatskapelle Dresden zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens mit „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms.

Für seine musikalischen Leistungen hat Pletnev zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter zwei Echo Klassik (1999 und 2001), den Grammy für die „Best Chamber Music Performance“ mit Martha Argerich (2005) sowie den Europäischen Dirigentenpreis (2005). Seit 1993 nimmt Pletnev für die Deutsche Grammophon auf und seine Einspielungen wurden mehrfach ausgezeichnet. Darüber hinaus findet auch sein kompositorisches Schaffen weltweit Anerkennung. Seine Klaviertranskriptionen der Ballett-Suiten „Der Nussknacker“ und „Dornröschen“ von Pjotr Tschaikowski haben sich längst im Repertoire internationaler Meisterpianisten etabliert.

Mikhail Pletnev arbeitet seit 2013 erfolgreich mit Shigeru Kawai zusammen. Beim heutigen Konzert spielt er auf dem Konzertflügel Shigeru Kawai SK-EX.

Daniel Lozakovich

Biografische Notizen
Daniel Lozakovich

„Trotz seines jungen Alters verdient Daniel Lozakovich höchsten Respekt und Bewunderung. Sein Spiel ist nicht nur perfekt, sondern darüber hinaus auch unendlich gefühlvoll und von vielen Emotionen gefärbt“. – Bachtrack

Daniel Lozakovich, dessen musikalische Ausdruckskraft sowohl Kritiker als auch das Publikum fasziniert und begeistert, hat sich als einer der herausragendsten und gefragtesten Geiger seiner Generation etabliert.

Er tritt regelmäßig mit führenden Orchestern wie dem Chicago, Cleveland, Pittsburgh und Boston Symphony Orchestra, dem Philadelphia Orchestra, dem Los Angeles Philharmonic, dem BBC Symphony Orchestra (BBC Proms), dem City of Birmingham Symphony Orchestra, dem Budapest Festival Orchestra, der Filarmonica della Scala, dem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, der Oslo Philharmonie, dem Orchestre Philharmonique de Luxembourg und dem Seoul Philharmonic auf. Daniel Lozakovich arbeitet mit renommierten Dirigenten wie Klaus Mäkelä, Esa-Pekka Salonen, Andris Nelsons, Ádám Fischer, Semyon Bychkov, Christoph Eschenbach, Neeme Järvi, Valery Gergiev und Vasily Petrenko zusammen.

Bereits im Alter von 15 Jahren wurde Daniel Lozakovich von der Deutschen Grammophon unter Vertrag genommen. Seine Einspielung von Bachs Violinkonzerten (Kammerorchester des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, 2018) erreichte Platz eins der Klassikalbum-Charts in Deutschland. Seine Live-Aufnahme von Tschaikowskis „Nur wer die Sehnsucht kennt“ (2019) wurde von Gramophone als „Top Choice“ unter den besten Aufnahmen des Tschaikowski-Violinkonzerts ausgezeichnet. 2020 folgte seine hochgelobte Live-Aufnahme von Beethovens Violinkonzert (Münchner Philharmoniker, Valery Gergiev, 2020). Sein Album „Spirits“ (2023) ist eine Hommage an sieben der bedeutendsten Geiger des 20. Jahrhunderts.

In seinen Recitals tritt Lozakovich gemeinsam mit dem legendären Pianisten Mikhail Pletnev auf. Diese einzigartige künstlerische Partnerschaft wird im kürzlich bei Warner Classics veröffentlichten Album dokumentiert. Das Programm der CD erklingt im Rahmen der Album-Release-Tour in renommierten Sälen wie dem Musikverein Wien, der Berliner Philharmonie und dem Herkulessaal München.

Daniel Lozakovich spielt die „ex-Sancy“ Stradivari von 1713, die ihm großzügigerweise von LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE zur Verfügung gestellt wurde.

Notizen zum Konzertprogramm

Schuberts Violinsonate D 384

Franz Schubert war schon als Schüler ein hervorragender Geiger. Allabendlich vertrieben sich die Gymnasiasten die Zeit mit Orchesterproben. Sie führten große Sinfonien und Ouvertüren von Haydn, Mozart, Cherubini, Beethoven und anderen Komponisten auf und Schubert war ihr Konzertmeister. Auch in den diversen Kammerensembles der Schule war er mit der Geige beteiligt, zuhause, im Streichquartett mit Vater und Brüdern, spielte er die Bratsche. Dies erklärt sein tiefes Verständnis für die Klangwirkungen des Streichersatzes. Schuberts frühe Violinsonaten sind Zeugnisse einer Stilphase in seiner Entwicklung, die man mit Recht klassizistisch genannt hat. Nach aufregenden frühromantischen Experimenten in seinen ersten Streichquartetten ging er in seiner Kammermusik um 1815 zu einem gemäßigten Stil über, der sich durch die enge Anlehnung an Haydn und Mozart auszeichnet. Dies hängt mit seinem Streben nach öffentlicher Anerkennung zusammen, wovon auch die Übersendung des ersten Liederheftes an Goethe im April 1816 zeugt. In eben jenem Monat vollendete er drei Violinsonaten, die man heute allgemein nach dem Titel des Erstdrucks als „Sonatinen“ bezeichnet, obwohl sie mit Musik für den Unterricht nichts zu tun haben. Schubert nannte jedes dieser Werke Sonate pour le Pianoforte et Violon und zählte sie von I bis III durch, was den formalen Anspruch und die zyklische Einheit bestätigt. Erst der Verlag Diabelli gab sie als „Sonatinen“ heraus, um den Käufern anzuzeigen, dass es sich nicht um „Grandes Sonates“ im damaligen Sinne handele. Die knappen Formen der drei im März und April 1816 komponierten Werke sind das Ergebnis einer Stilisierung: Schubert hat sie als Huldigungen an den Violinsonatentypus Mozarts angelegt. Nicht nur die Melodik mutet oft mozartisch an – bis hin zu regelrechten Zitaten. Auch das ausgewogene Verhältnis zwischen beiden Instrumenten, die kantable Führung der Violine und der durchsichtige Klaviersatz distanzieren sich von jeder virtuosen Attitüde und orientieren sich an jenem vollendeten Dialog zwischen „Pianoforte et Violon“, wie ihn Mozart in seinen ersten Wiener Violinsonaten KV 376 bis 380 verwirklicht hatte.


Griegs Violinsonate Nr. 3

Ähnlich wie sein deutscher Freund und Kollege Johannes Brahms näherte sich auch der Norweger Edvard Grieg der Gattung „Violinsonate“ vom Klavier aus. Als einer der besten Pianisten seiner Generation trat er immer wieder mit virtuosen Geigern auf, etwa mit dem Russen Adolf Brodsky, der seit 1880 Professor am Leipziger Konservatorium war. Obwohl Grieg an dieses Institut seiner eigenen, dortigen Studien wegen keine guten Erinnerungen hatte, besuchte er Brodsky mehrmals in Leipzig.

Am Neujahrstag 1888 kam es in Leipzig zu einer denkwürdigen Begegnung: Johannes Brahms probte mit Brodsky und einem Leipziger Cellisten sein neues Klaviertrio c-Moll, op. 101. Tschaikowski musste notgedrungen zuhören, da er seinen alten Freund Brodsky, den Widmungsträger seines Violinkonzerts, ebenfalls an diesem Tag besuchte. Tschaikowski mochte Brahms’ Musik nicht, weshalb es nach der Probe des Trios zu einer Verstimmung kam, als man ihn um seine Meinung fragte. Doch Grieg und seine Frau retteten die Situation, so dass der Tag in einem vergnüglichen Essen endete, an das sich Brodsky noch Jahre später erinnerte: „Die drei großen Komponisten saßen beisammen, und alle waren guter Dinge. Ich sehe noch Brahms vor mir, wie er nach einem Schälchen mit Erdbeermarmelade greift und verkündet, dass dies alles für ihn sei und niemand etwas abhaben könne. Es wirkte eher wie ein Kinderfest als wie die Zusammenkunft großer Komponisten.“

Am selben Nachmittag spielten Grieg und Brodsky noch eine weitere Kammermusik-Novität in c-Moll: die dritte Violinsonate des Norwegers. Wenige Wochen zuvor, am 11. Dezember 1887, hatten die Beiden dieses Stück im Leipziger Gewandhaus aus der Taufe gehoben. Es war ein rauschender Erfolg, bald auch in vielen anderen Konzertsälen von Russland bis in die USA. Griegs Opus 45 ist ganz dem Charakter der „Schicksalstonart“ c-Moll verpflichtet. Wie Beethovens Fünfte Sinfonie schreitet sie „per aspra ad astra“ voran: von einem aufgewühlten Kopfsatz in c-Moll über eine träumerische Romanze im weit entrückten E-Dur bis zu einem stürmischen c-Moll-Finale, in dessen Verlauf endlich das erlösende C-Dur erreicht wird.

Alexey Shor und die Shor-Pletnev Sonate

Wenn es einen Pianisten gibt, der sich nicht um Konventionen, Schulen und Erwartungen schert, dann ist es Mikhail Pletnev. Das Publikum liebt ihn dafür und weiß, dass es in Pletnevs Konzerten auch altbekannte Werke so frisch und überraschend zu hören bekommt, als würden sie zum allerersten Mal gespielt. Pletnev – seines Zeichens auch Dirigent – gehört zu den intellektuellsten Interpreten seiner Zeit. Doch nichts läge ihm ferner als akademische Trockenheit. Seine unabhängigen Interpretationen sind immer wieder aufs Neue mitreißend, virtuos, herausfordernd und aufregend.

Die Musikgeschichte ist reich an Beispielen, in denen ein Werk aus der Zusammenarbeit zwischen Komponist und Interpret hervorgeht. Nach der Aufführung des Violinkonzerts von Alexey Shor durch Daniel Lozakovich unter dem Stab von Mikhail Pletnev entstand die Idee, aus diesem musikalischen Material ein gemeinsames Werk zu schaffen – eine Sonate für Violine und Klavier, die auch für heute präsentierte CD eingespielt wurde. Dieses in strenger Sonatensatzform geschriebene Werk zeigt die musikalische Handschrift Alexey Shors und verbindet diese mit den pianistischen und kompositorischen Ergänzungen durch Pletnev. Diese Verbindung zweier musikalischer Gedankenwelten verleiht dem Stück seine Einzigartigkeit.

Alexey Shor wurde in der Ukraine geboren. Nach seinem Umzug aus der Sowjetunion widmete er sich dem Studium der Mathematik in den Vereinigten Staaten und lebt heute in New York. Seine Kompositionen wurden in einigen der renommiertesten Konzerthallen der Welt aufgeführt, darunter der Wiener Musikverein, die Berliner Philharmonie, die Carnegie Hall und das Concertgebouw Amsterdam. Konzerte mit seiner Musik wurden auf MediciTV, Mezzo und Euronews übertragen. Die Ouvertüre seines Balletts „Crystal Palace“ wurde während des 40. Gramophone Classical Music Awards in London aufgeführt. 2022 wurde Alexey Shor zum ersten assoziierten Komponisten der Yehudi Menuhin School ernannt und ist derzeit Composer-in-Residence beim Armenischen Staats- Symphonieorchester. Seine Werke werden von Breitkopf & Härtel sowie Universal Edition veröffentlicht. CDs mit seinen Kompositionen sind unter anderem bei Warner Classics, DECCA, SONY Classics und Naxos erschienen. Zahlreiche international gefeierte Künstler haben Musik von Alexey Shor aufgeführt, darunter Ray Chen, Steven Isserlis, Evgeny Kissin, Denis Kozhukhin, Shlomo Mintz, Mikhail Pletnev, Gil Shaham, Maxim Vengerov und viele andere.

In einer Zeit, in der Kompositionen oft durch technologische Innovationen und abstrakte Ausdrucksformen dominiert werden, bringt Alexey Shor einen erfrischenden Kontrast in die zeitgenössische Musiklandschaft. Seine Werke strahlen eine besondere Wärme und Emotionalität aus, welche die Herzen der Zuhörer unmittelbar berühren.


César Francks Violinsonate

Die im Sommer 1886 komponierte Sonate folgt der Idee eines Motto-Themas, das sich zyklisch durch alle Sätze zieht, ebenso eng, aber weniger streng als Francks Klavierquintett oder seine große d-Moll-Sinfonie. Während sich in diesen Werken das Motto wie eine Art Idée fixe über alle Themen legt, kann man in den vier Sätzen der Violinsonate lediglich zarte Querverweise auf das Hauptthema des Kopfsatzes finden. Sie alle kreisen um das Motiv der fallenden Terzen, mit denen die Sonate anhebt. Nicht nur Marcel Proust war fasziniert von diesem „Gedanken, der sich aus Klangwellen erhebt“. Tatsächlich ist in dem Beginn des Allegretto ben moderato schon das ganze hochromantische Wesen der Sonate ausgeprägt: „in jenem weichen Nonakkord des Klaviers, aus dessen Stufen die Geige ein schönes, wiegendes Thema gewinnt. Eindrucksvoll ist dieses schwebende Klangbild… Der ganze Satz wirkt wie ein Vorspiel zu dem in leidenschaftlicher Bewegung sich entfaltenden zweiten Satz (Allegro d-moll).

Der dritte Teil der Sonate beginnt in träumerischer Versunkenheit mit einem ‚Recitativo‘, das in eine lichte, gesanglich fließende ‚Fantasia‘ von charakteristisch weichem, jedoch intensivem Ausdruck ausmündet. Dann folgt mit dem Finale der zweite bewegte Satz des Werks (Allegretto poco mosso), in hellem A-dur erstrahlend, frei von leidenschaftlichen Zügen, aber belebt von Rückerinnerungen an den zweiten Satz.“ (Anton Würz)

Franck hat die Sonate keinem Geringeren als Eugène Ysaie gewidmet, der sie im Dezember 1886 in Brüssel uraufführte und auch die beiden umjubelten Pariser Aufführungen des Jahres 1887 spielte. In Ysaies Konzertprogrammen trat die Sonate dann rasch ihren Siegeszug um die Welt an. Sie fand allgemein Anerkennung als die bedeutendste französische Violinsonate des Fin de siècle.

ALBUM RELEASE TOUR
29. Oktober
Musikverein Wien
13. November
Philharmonie Berlin
19. November
Herkulessaal München
ALBUM RELEASE TOUR
29. Oktober
Musikverein Wien
13. November
Philharmonie Berlin
19. November
Herkulessaal München